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MERKBLATT
zum AAT-Mangel
Was ist Alpha-1-Antitrypsin (AAT)?
Alpha-1-Antitrypsin (auch als „Alpha-1-Proteinase-Inhibitor“ bekannt) ist ein Eiweißstoff, der im Blut zirkuliert. Er wird in der Leber gebildet.
Wozu dient AAT, warum ist es wichtig?
Die weißen Blutkörperchen enthalten Stoffe, die sie am Ort von Entzündungen freisetzen und die in den Heilungsverlauf eingreifen, indem sie schädliche Eiweißstoffe aufspalten und damit deren Abtransport begünstigen. Damit diese Stoffe (sogenannte Proteinasen bzw. eiweißspaltende Enzyme) aber nicht auch gesundes Körpergewebe schädigen, wird ihnen in Gestalt des AAT ein Hemmstoff entgegengesetzt, der das ganze Geschehen „in der Balance hält“. Allerdings können diese Proteinasen in geringen Mengen auch ohne Entzündungsreize freigesetzt werden, wenn die weißen Blutkörperchen altern und zerfallen (Mauserung). Auch hier schreitet AAT sofort ein und macht die Proteinasen unschädlich.
AAT-Mangel bedeutet, daß zu wenig von AAT im Blut zirkuliert, weil es durch einen erblichen Steuerungsdefekt fehlerhaft gebildet wird und dadurch aus der Leber (seinem Bildungsort) nicht ausgeschleust werden kann. Es kommt nun darauf an, wieviel von AAT dem Körper noch verfügbar ist. Wenn ein geringer bis mäßiger Mangel besteht, so kommt es in der Regel zu keiner Erkrankung. Dies ist der Fall, wenn „Mischerbigkeit“ besteht: Ein Elternteil steuert ein normales, der andere Elternteil ein abnormales Gen bei. Das normale Gen dominiert über das fehlerhafte Gen, sodaß eine ausreichende Teilfunktion bei der AAT-Bildung vorhanden ist. Bei „Reinerbigkeit“, das heißt, wenn beide Elternteile ein abnormes Gen vermittelt haben, besteht ein sehr ausgeprägter Mangel und es kommt sehr häufig zu schweren Erkrankungen, da der AAT-Spiegel im Blut auf ein Viertel des kritischen Normalwertes abgesunken ist.
Was sind die Folgen eines solchen schweren AAT-Mangels?
Durch den schweren Mangel an AAT werden die Proteinasen, die aus den weißen Blutkörperchen freigesetzt werden, sozusagen ungebremst wirksam, sie geraten außer Kontrolle. Dadurch wird jenes Organ vorrangig geschädigt, welches mit der Umwelt, mit Schadstoffen aus dieser und mit Infekten am meisten zu tun hat, nämlich die Lunge.
Die Lunge hilft sich zunächst, den vermehrten Anfall von Proteinasen, den eiweißspaltenden Enzymen, durch relativ schwach wirksame Gegenmaßnahmen zu kompensieren, was hier auch in manchen Fällen auf lange Zeit, unter Umständen bis ins Alter zu gelingen scheint. Allerdings werden bei vielen Menschen vermehrte Anforderungen an die Abwehrkräfte der Lunge gestellt, allen voran durch das Zigarettenrauchen, aber auch durch einen schadstoffbelasteten Beruf, die Umwelt und durch Infektionen. In diesen Fällen kann sich die Lunge gegen die überhohe Belastung nicht ausreichend wehren und die Proteinasen beginnen schon in jungen Jahren die Struktur der Lungenbläschen zu schädigen, indem diese teilweise zerstört werden.
Dadurch verschmelzen die vielen kleinen elastischen Bläschen (Alveolen) zu immer größeren Hohlräumen, bis schließlich ganze Lungenlappen aus schlaffen, großen Blasen bestehen. Diesen Zustand nennt man Lungenemphysem: Die Lunge wird schlechter beweglich (weil unelastisch) und verliert außerdem die kleinen Blutgefäße, die ursprünglich in den Trennwänden zwischen den Alveolen vorhanden waren und welche für die Aufnahme des Sauerstoffs aus der Atmung notwendig sind. Die Folge: Es stellt sich Atemnot bei körperlicher Belastung ein, wobei die Leistungsbreite immer geringer wird.
AAT-Mangel kann aber auch die Leber schädigen, welche das AAT bildet, aber nicht ausschleusen kann: Das gespeicherte AAT kann einerseits sehr frühzeitig (bei der Gelbsucht des Säuglings), andererseits erst nach Jahrzehnten zu einem Leberschaden führen (Zirrhose des älteren Menschen).
Wie wird der AAT-Mangel vererbt?
Normalerweise ist die korrekte Bildung von AAT an das doppelte Gen „MM“ gebunden, wobei jeder Elternteil ein „M“ beisteuert. Dies ist bei über 99 % der Menschen der Fall. Bei 1-2 o/oo ist aber ein Elternteil Träger eines veränderten Gens (meistens „Z“, manchmal „S“). Damit ist diese Person mischerbig, der sogenannte Genotyp besteht aus einem normalen und einem abnormalen Gen (MZ oder MS). Das vorhandene normale Gen dominiert aber über das abnormale, sodaß in der Regel noch ausreichende Blutspiegel von AAT produziert werden. Treffen aber zwei mischerbige Elternteile zusammen, so besteht für deren Kinder ein 25 %iges Risiko, beide abnormalen Gene zu erben (ZZ, SS). Nach den Vererbungsregeln besteht demnach eine 50 %ige Wahrscheinlichkeit, die zwei normalen Gene der Eltern zu erben und eine 25 %ige für Mischerbigkeit. Daher ist es berechtigt, die engsten Familienangehörigen einer AAT-Mangelperson auf ihre Vererbungslage hin zu untersuchen, sodaß bei diesen wie bei deren Kindern eine frühzeitige Beratung (Zigarettenabstinenz, Berufswahl etc.) einsetzen kann, um eine Erkrankung zu vermeiden oder möglichst lange hinaus zu schieben.
Nach Beratung mit Ihrem Hausarzt (Ihrer Hausärztin) könnte eine Testung Ihres Partners/Ihrer Partnerin, der Geschwister, der Kinder, allenfalls der Eltern empfohlen werden.
Warum erkranken nicht alle Menschen mit schwerem AAT-Mangel an Lungenemphysem oder Leberzirrhose?
Diese wichtige Frage kann derzeit nur ungenügend beantwortet werden. Derzeit beobachten wir, daß besonders das Rauchen, aber auch die Luftverschmutzung am Arbeitsplatz, Asthma und Infektionen bei AAT-Mangel die Emphysementstehung begünstigen. Darüber hinaus werden eine Reihe anderer Mechanismen untersucht, wobei möglicherweise auch bestimmte Sonderformen des genetischen Musters eine Rolle spielen. Diese Forschung soll durch eine groß angelegte, europaweite Studie gestützt werden, welche vom AAT-Register, dem AIR (Alpha-1-International Registry) getragen wird. Man erhofft sich daraus Aufschlüsse über zusätzliche Risikofaktoren oder andere Mechanismen, wodurch die effiziente Vorbeugung oder sogar Behandlung verbessert werden kann.
Was aber die Leber betrifft, so wissen wir bislang nur, daß sehr wenige AAT-Mangelpatienten an Leberzirrhose erkranken. Dennoch wird auch bei Ihnen eine Testung der Leberfunktion bei Routineuntersuchungen, noch mehr natürlich bei Beschwerden empfohlen.
Welchen Tests sollen sich Personen mit Verdacht auf AAT-Mangel unterziehen?
Nach der Blutuntersuchung auf AAT ist eine Lungenfunktionsprüfung obligat. Bei dieser kann schon frühzeitig der Schweregrad der Erkrankung festgestellt, aber auch der weitere Verlauf der Erkrankung abgeschätzt werden. Ergänzt wird diese Basisuntersuchung durch Lungenröntgen (allenfalls Computertomographie), Messung des Blutsauerstoffs und durch Belastungstests.
Wenn ein AAT-Mangel bei einer Person festgestellt worden ist, besteht ein striktes Rauchverbot. Wenn die/der Betreffende noch raucht, müssen alle Anstrengungen und geeigneten Maßnahmen aufgeboten werden, das Rauchen einzustellen. Dafür gibt es Beratungs-, Schulungs- und Therapieprogramme, die sehr wirksam sind und über die Ärzte angefordert werden können.
Das Rauchen lockt eine vermehrte Zahl von weißen Blutkörperchen in die Lunge, die dort ihre Proteinasen ausschütten. Parallel dazu blockiert das Rauchen direkt das restliche vorhandene AAT! Damit ist die Balance zwischen den Proteasen der weißen Blutkörperchen (siehe 2) und dem AAT schwerstens gestört, die Proteasen können nahezu ungehindert auch das normale Lungengewebe angreifen und damit zum Emphysem führen (siehe 4).
Es konnte gezeigt werden, daß die Abstinenz vom Rauchen die Verschlechterung der Lungenerkrankung (Emphysementwicklung) wenn nicht vollständig, so doch bis zu einem gewissen Grad aufhalten kann.
Gibt es eine Behandlung der AAT-Mangelkrankheit?
Allgemeine Maßnahmen bestehen in der strikten Zigarettenabstinenz (siehe 8), sowie in der Infektprophylaxe durch Grippenimpfung und eventuell Pneumonieimpfung. Ferner besteht bei vielen AAT-Mangelpatienten auch eine Art Asthma, welches in der Regel sehr gut auf die moderne Asthma-Therapie anspricht. Darüber hinaus sollte auf die körperliche Fitness (Ausdauertraining) und auf das Körpergewicht geachtet werden (Vermeidung von Über-, aber auch von Untergewicht).
Eine besondere (spezifische) Therapie besteht in der intravenösen Zuführung von AAT, welches aus Blutkonserven gewonnen und unter dem Namen ProlastinR im Handel ist (Registrierung in Österreich noch 2002). Man nennt diese eine Therapie der Augmentierung (Vermehrung), welche je nach Körpergewicht dosiert und alle Wochen über eine Armvene infundiert wird. Da das Präparat aus einer großen Zahl von Blutkonserven, nach besonderen Verfahren gewonnen und strengen Sicherheitsmaßnahmen unterworfen wird, ist es sehr teuer. Zudem kommt es immer wieder zu Engpässen in der Nachlieferung. Es wird daher fieberhaft an einer Methode gearbeitet, die eine Inhalation des Präparates gestattet, wodurch einerseits eine Dosiseinsparung auf die Hälfte oder ein Drittel der intravenösen Dosis ermöglicht und das Medikament direkt in der Lunge deponiert wird. Prolastin kann zwar kein verlorenes Lungengewebe wettmachen, ist aber doch imstande, den Verfall der Lungenfunktion zu verlangsamen, wenn schon nicht zu stoppen. Damit ist also die Chance eines Zuwachses an lebenswerten Jahren gegeben. Prolastin ist nicht indiziert, wenn die Beschwerden der Patienten sehr gering sind und die Lungenfunktion noch gut ist. Auch besteht keine Indikation zur Prolastin-Therapie, wenn die Lungenfunktion schon eine kritische, irreversible Verschlechterung erlitten hat. Alternativen für Prolastin (AAT-ähnliche oder ähnlich wirksame Stoffe) sind Gegenstand der Forschung, scheinen vielversprechend, aber noch weit entfernt vom klinischen Einsatz.
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